MOZART UND EUROPA

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ich bin, ich war, ich wär, ich bin gewesen, ich war gewesen, ich wär gewesen, o wenn ich wäre, o daß ich wäre, wollte gott ich wäre, ich wurde seyn, ich werde seyn, wenn ich seyn würde, o dass ich seyn würde, ich wurde gewesen, ich werde gewesen seyn, o wenn ich gewesen wäre, o daß ich gewesen wäre, wollte gott ich wäre gewesen, was? – ein stockfisch…

ein Salzburger,

ein Deutscher,

ein Österreicher,

ein Europäer?

Ich bin: bin geboren in Salzburg, anno 1756, wie jedermann weiß oder wissen sollte. War als Untertan des Erzbischofs von Salzburg niemals Österreicher, das dräute den Landesbürgern erst 25 Jahre nach meinem Tod. War auch kein Deutscher, aber einer im Römischen Reich Deutscher Nation, wo meine Landesherren wichtige Männer waren…Der Schrattenbach hat meinen Herrn vatter und mich auf den Reisen durch Europa unterstützt, aber dann der Colloredo!  Hab ihn gehasst, den Colloredo und war glücklich über den Tag, nicht mehr in Salzburger Diensten zu sein (9.5.1781), nicht mehr unterthänigst und  gehorsamst in Diensten Ihro hochfürstlichen Gnaden, des Hochwürdigsten des Heiligen Römischen Reichs Fürsten, des gnädigsten Landesfürsten und Herrn Herrn! Er ging mit mir schlecht um, schon als ich 21 Jahre war, und hat mich dann letztendlich Lumpen, Lausbuben, Fexen gescholten…mich! Ich wurde gewesen – ich wurde also gewesen!!! 

Mein Name ist schon „Europäisches Programm“, wie man neuerdings zu sagen pflegt: curios.

Johannes Chrysostomos Wolfgangus Gottlieb Mozart. Johannes Chrysostomus – der Tagesheilige meiner Geburt, Kirchenvater, „Goldmund“, das europäische Christentum und seine Wurzeln; „Wolfgangus“, der Vorname meines Ahns mütterlicherseits, der alte keltische Brauch. „Gottlieb“ hieß mein Pate, und ins Latein übersetzt war es Amadeus, im Griechischen Theophilus – so schloss mein Name die antike europäische Vergangenheit mit ein – hab immer wieder Bücheln mit Geschichten von griechischen und römischen Göttern und Königen für meine Opern vertont, ja sogar als Knab von 11 Jahren in Latein, den Apollo et Hyacinthus – und im neuen Europa konnte man Amadeus ihn walsch als Amadeo, oder französisch Amadé aussprechen. Und immer blieb es Gottlieb… Und „Mozart“: hab mich manchmal auch Trazom genannt, im Spaß; da hätten die auf der anderen Seite der Salzach es schwer gehabt ein Trazomium oder Trazoneum zu gründen; ob das so Anklang gefunden hätte wie das Zauberwort Mozarteum?

Mein Europa

Ich kann nicht poetisch schreiben, ich bin kein Dichter; ich kann nicht so gelahrt von der traditionsfeindlichen und revolutionssüchtigen Zeit reden, bin kein Redner, ich kann nicht von soziokulturellen Codes und deren Bedingtheiten im wissenssoziologischen Konnex unter besonderer Berücksichtigung der intellektuellen Sozialisation des Subjekts sprechen, ich bin kein Wissenschaftler, ich kann es aber durch Töne, denn ich bin, ich war, ich wär, ich bin gewesen, ich war gewesen: ein Musikus.

Wien, London, Paris, München….Mehr als 200 Städte habe ich auf meinen Reisen durch Europa besucht, Eindrücke, die mich formten, von Aachen bis Neapel, von Kirchheimbolanden bis Wien… 3720 Tage soll ich auf Reisen gewesen sein, haben die Herren Musikologen errechnet; wird schon stimmen, hab mir abgewöhnt, ihnen nicht zu vertrauen; richtig ist wohl, dass ich dabei Belgien, Deutschland, England, Frankreich, Italien, Niederlande, Österreich, Schweiz, Slowakei, Tschechien bereiste; nicht nur die beschwerliche Reise mit der Kutsche (wie hatte ich allein durch Ungeziffer zu leiden!) war anstrengend; auch die Tatsache, dass es in Deutschland viele Kleinstaaten mit verschiedenem Münz- und Währungssystem gab. Da verlor man (ohne es liederlich zu verspielen) allein schon beim Wechseln Unsummen… Ich war schon damals auf den Straßen Europas unterwegs, auch in meiner Aufgabe, anderen Menschen im Norden und Süden meine Musik nahezubringen. Später hat man meine Reisen als „Mozart-Wege“ zusammengefasst und auch das Kulturprojekt „Europäische Seidenstraße“ beschäftigt sich mit mir.

Mein Europa, das waren auch die gekrönten Häupter: Kaiserin Maria Theresia, die ich als Sechsjähriger schon in Wien besuchen durfte, worüber mein Herr vatter schrieb: Der Wolferl ist der Kayserin auf den Schooß gesprungen, sie um den Halß bekommen, und rechtschaffen abgeküsst. Naja, später hat sie allerdings meine Anstellung am Mailänder Hof verhindert. Ihre Söhne waren im Gegensatz zu ihr „echte Kaiser“, denn sie war eigentlich regierende österreichische Erzherzogin, Königin von Ungarn und Böhmen und Gattin von Franz l. Stephan von Lothringen, Kaiser des Heiligen Römischen Reiches. Uns allen war das nicht bewusst. Für meinen Herrn vatter und mich war sie die Kaiserin. Punktum.

Ihre Söhne spielten eine wichtige Rolle in meinem Leben: Kaiser Joseph II. (dem ich zu viele Noten in der „Entführung aus dem Serail“ zuzumuten wagte, der aber ansonsten oft meine Aufführungen besuchte), und Kaiser Leopold II., der es nicht für nötig hielt, mich bei seiner Kaiserkrönung in Frankfurt für den Kaiserhof Ehr einlegen zu lassen…Naja, desto besser, besser desto.

Immerhin empfingen mich auch die Könige Louis XV., Georg III. mit seiner Gemahlin Charlotte Sophie, Friedrich Wilhelm III. und Ferdinand I. von Neapel. Und immer wieder viel Ehr, Tabatieren, Uhren, oft war das dem Herrn Papa zu wenig…ich wurde seyn, ich werde seyn, wenn ich seyn würde, o dass ich seyn würde… nach dem Jahr … compositore intacta denn: was sonst das übrige alles anbelangt, so muß ich ihnen sagen, daß das geschwätze was die Leute von mir herumlaufen zu lassen beliebten, zum theil wahr, zum theil – falsch ist.- mehr kann ich zur zeit nicht sagen.“ (23.10.1781)

Wahr vielmehr ist, was meine Musik sagt. Wohin man auch immer hören mag: Meine Instrumentalstücke, Kammermusik, Opern sind voll der Kompositionswissenschaft, ohn dass man es merkt, für liebhaber und kenner also, getragen von Freundschaft und Menschenliebe, eine europäische Dimension?

Möge das Schiff Europa, von den sich leicht kräuselnden Wellen und von sanften Winden getragen, beschützt durch die Zeiten gleiten. Im Terzett „Soave sia il vento“ habe ich das in meiner Oper Cosí fan tutte in Musik gesetzt. Schütze uns alle auf diesem Schiff Europa, aber auch darüber hinaus im Osten und Westen, Süden und Norden, vor Stürmen und Gefahren. Mögen die sanften Winde Menschen im Austausch und gegenseitigem Respekt zusammenbinden, auch durch meine Musik und mit meiner Musik. Das wäre beglückende „Nachhaltigkeit“ für mich, auf die ich aus anderen Sphären dankbar blicke.

Josef Wallnig, 2022

Basierend auf der Festrede bei der Generalversammlung der Europäischen Akademie der Wissenschaften und Künste, Alte Residenz Salzburg, 2006

Zitate aus Mozarts Briefen sind kursiv gesetzt.

 

 

 

 

 

 

 

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